10 Entgrenzungsmodell - Sinnformative Lebenskunst

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Grenzen und Emotionen (Entgrenzungsmodell)
 
Wenn man jemanden fragt: „Möchtest du häufiger glücklich sein?“, bekommt man vielleicht nach einem ersten: „Och, ist schon ok so ...“, dann doch irgendwann die Antwort: „Eigentlich schon, gerne – geht aber leider nicht häufiger, weil ...“ Positive Emotionen lassen sich nicht so einfach herbeirufen lassen. Sie scheinen auch immer gerade von irgendwelchen Umständen blockiert und begrenzt zu sein. Manchmal hat man sogar den Eindruck, dass sich das Glück extra von uns fernhält, sobald wir uns auch nur ein bisschen danach sehnen, um dann wieder völlig unverhofft zu erscheinen, wenn wir gerade gar nicht damit rechnen.

Aber was hat Glück mit Grenzen zu tun?
 
Das folgende Modell besagt dazu: Positive Emotionen entstehen, wenn wir uns mit einer guten Erfahrung verbinden. Ein Glücksgefühl ist eine Belohnung, die uns zuteilwird, wenn wir die Erlebnis-Einschränkungen für unser eigenes ICH auflösen und überwinden, und zwar ganz genau nur in dem Moment der Auflösung selbst. Nicht laufen zu können ist eine Begrenzung. Die ersten Schritte als Kleinkind oder die erste selbständige Fahrt mit dem Rad sind beglückende Überwindungen von persönlichen Begrenzungen. Nicht beglückend wirken hingegen neue Einschränkungen und Grenzen. Sind wir durch einen Unfall auf einen Rollstuhl angewiesen oder werden wegen einer Missetat inhaftiert, entstehen für uns schmerzhaft neue Erfahrungseinschränkungen. Bemerkenswert ist, dass nicht der Zustand der Begrenzung an sich (zum Beispiel das „Inhaftiertsein“) unbeglückend wirkt, sondern im Wesentlichen der Moment, in dem sich die neue, einschränkende Situation (Grenze) bildet und bewusst wahrgenommen wird. Ist der begrenzende Zustand erst einmal eingetreten, scheint man sich früher oder später mit der unangenehmen Situation zu arrangieren, natürlich immer mit dem dringenden Wunsch, diese Begrenzung wieder loszuwerden.
 
Die beschriebene Regel gilt natürlich auch für den beglückenden Moment. Positive Emotionen gibt es nicht für das Radfahren selbst, sondern nur für den Moment, in dem wir unsere Begrenzung (nicht Radfahren zu können) überwinden. Nach einigen Tagen des Radelns haben wir uns an das neue, befreiende Verkehrsmittel gewöhnt und nutzen es ohne sonderliche Emotionen. Es kann sogar sein, dass wir irgendwann mit negativen Gefühlen, unglücklich und fluchend auf dem Drahtesel sitzen, weil uns das „blöde Ding“ nicht schnell genug ans Ziel bringt.
 
entstehende Entgrenzung (Verbindung) = Glück

entstehende Trennung (Begrenzung) = Unglück
 
Glück gibt es also ursächlich exakt nur für den Moment (nicht vorher und nicht nachher), in dem wir bewusst unsere persönlichen Grenzen überschreiten und auflösen, genau dann, wenn die Begrenzung für unser ICH ein Stück weit fällt und verbindende Ganzheit entsteht. Der Begriff ICH ist nicht nur in diesem Zusammenhang schwer abzugrenzen. Erweitert betrachtet steht ICH auch für unsere Kinder, weil sie in gewisser Weise ein Teil von uns sind. ICH kann aber auch Freunde oder ein Haustier einschließen, eigentlich alles, was mir nahesteht und wichtig erscheint. Für manche Menschen gibt es kaum noch ICH-Grenzen, weil sie sich schon mit fast allem verbunden fühlen.
Erinnerungen an einstmalige Beglückungen, aber auch die Vorstellung von zukünftigen „ICH-Befreiungen“ (Erfahrungs-Vorfreuden) wirken übrigens auch beglückend. Sie verändern sich aber in ihrer Intensität bei jedem erneuten Darüber-Nachdenken. Das gilt natürlich auch für das wiederholte Erinnern von durch Begrenzung ausgelösten negativen Emotionen. Schön ist es auch mit anzusehen, wenn andere Menschen ihre Grenzen überwinden. Dementsprechend ist es leidvoll, wenn sich unsere Mitmenschen schmerzvoll in neue Begrenzung begeben (Empathie).
Betrachtest du diese Zusammenhänge auf diese Weise, wird dir auch deutlich, dass sich Glücksmomente nicht „konservieren“ lassen und dass du sie (im Hier und Jetzt) immer wieder frisch herstellen musst. Daher ist es oft auch ziemlich sinnlos, wenn du vormals beglückende Situationen wiederholen willst. Bist du einmal auf die Zugspitze gestiegen und hast den Weg und den Ausblick in dieser wunderbaren Landschaft erlebt, kannst du das zwar noch ein zweites und vielleicht ein drittes Mal tun, aber die großen Gefühle der Erstbesteigung bleiben oft aus. Zünftige Bergsteiger werden mir vielleicht entgegenhalten: „Papperlapapp, der Heinzel hat keine Ahnung vom Bergsteigen und erst recht keine von den vielen beglückenden Momenten, die einem fortlaufend gerade an der Zugspitze begegnen.“
Vielleicht haben diese Leute recht, weil sie fähig sind, immer wieder neue Aspekte an diesem Ort zu entdecken, mit denen sie ihr ICH glücksbringend erweitern und entgrenzen können. Manchmal behalten die Dinge aber auch sehr lange ihre Faszination, weil es zunächst nicht sofort gelingt, sie ganz zu durchschauen und sich mit den Verlockungen zu verbinden.
Aber auch hier gilt prinzipiell: Glück gibt es nur im Moment der grenzauflösenden Verbindung, auch wenn man schon mal länger dafür braucht oder ständig Neues im Alten findet. So wird übrigens auch klar, dass es gar keine wirkliche, klar definierte „Zugspitze“ gibt, sondern nur das, was jeder individuell von ihr wahrnimmt. Manche entdecken dort in einer nicht enden wollenden Vielfalt ständig Neues, wobei andere nur eine graue, langweilig monotone Steinwüste wahrnehmen, die man bitteschön schnellstmöglich hinter sich lassen möchte. Welten scheint es so viele zu geben, wie es Betrachter gibt.

Dieses „Entgrenzungsmodell“ wird verständlicher, wenn wir uns der Königin des Glücks zuwenden: der „Liebe“. Erinnerst du dich noch an deine erste große Liebe, an die wunderbaren Momente mit dem neuen Partner, an das Kribbeln im Bauch und an dein Herzklopfen? Die Gefühle am Anfang von Beziehungen sind wahrscheinlich deshalb so groß, weil genau in diesen Momenten die fundamentalsten Grenzen zwischen Menschen aufgelöst werden. Liebesglück ist die Belohnung für das gemeinsame Verschmelzen. Du wirst ich und ich werde du – Grenze für Grenze werden wir eins. Und der Moment, an dem ich das erste Mal deine Hand berühre und du meine Berührung erwiderst, ist der größte – ist eine gigantische Grenze, die in diesen Augenblicken überwunden wird. Das Verschwinden dieser Getrenntheit wird mit größtem Glück belohnt. Ich schaffe es immer mehr so zu fühlen, wie du fühlst. Ich weiß, was du denkst, ahne, was du als nächstes tun wirst – so wie ich es von mir selbst weiß. Ein Feuer des Glücks entbrennt für jeden Moment des enger Eins Werdens, aber niemals für das Einssein (auch wenn dieser Prozess erfreulicherweise schon mal etwas länger andauert). Nicht selten kommt es vor, dass man neben demselben Menschen, für den man einst so große Gefühle hegte, ein paar Jahre später (oder in manchen Fällen nur Tage danach) überhaupt nichts Beglückendes mehr empfindet. Man kann sich zwar noch an die wunderbaren Momente der „Verschmelzung“ erinnern, doch ein Wiederholen führt leider selten zu so großen Gefühlen wie beim ersten Mal. Grenzen, die bereits aufgelöst und verschwunden sind, lassen sich nicht noch einmal entfernen – doppelte Beglückung scheint nicht vorgesehen.

Vielleicht bist du in dem Alter und erinnerst dich noch an die deutsche Wiedervereinigung – an die Euphorie der Menschen, die 1989 auf der Mauer tanzten, an das unbeschreibliche Glück einer ganzen Nation. Auch ich habe völlig ergriffen zugeschaut und mich der Gefühle nicht erwehren können. Aber warum erging mir das so? Ganz einfach, das Land, in dem ich lebe, gehört zu mir – wenn man so will, zu meinem erweiterten ICH. Zudem hatte ich Verwandte und Freunde „drüben“. Für uns alle war der Mauerfall eine deutlich sichtbare Auflösung von persönlicher Begrenzung.
Aber was ist heute, fast drei Jahrzehnte danach, aus diesem wunderbaren Glück geworden? Inzwischen leben wir ganz selbstverständlich mit dieser neu gewonnen Freiheit, ohne dass sie uns täglich sonderlich berührt. Wenn wir an unser Land denken, drängen sich neue Einschränkungen und Grenzen in unser Bewusstsein, Grenzen, die wir gern aufgelöst wüssten. Die zunehmenden Umweltproble und die Bedrohungen durch Terror bilden markante, unser ICH bedrohende Grenzen, die wir gerne verhindert oder aufgelöst wüssten. Das „Bonbon“ für die Wiedervereinigung gab es somit nur einmal.

Jetzt wirst du mich vielleicht fragen, was unser Land oder wir selbst tun sollten, um dauernd glücklich zu sein?                
Nun, wenn wir Glück nur für die Momente der Entgrenzung erhalten, ist es natürlich auch allzu logisch, dass unser „Glückserleben“ ständig mit neuen, verbindenden „Grenzauflösungen“ gefüttert werden muss.
Und genau das tun wir. Durch die Wissenschaft, die Globalisierung, das Internet und unsere vernetzte Medienlandschaft werden Grenzen zwischen Menschen massiv aufgelöst und unglaublich viele neue Erlebnismöglichkeiten geschaffen, mit denen man sich verbinden kann.

Es gibt aber auch „Mentalitätsunterschiede“. Manche Menschen stürzen sich ständig in eine Flut von neuen Erfahrungsabenteuern und Andren reicht es, auf einer Meditationsmatte zu sitzen und nichts zu erleben. Letzteres tut man aber nur, wenn man vieles schon erlebt hat und die Nachteile kennt, denn jede Erfahrung hat irgendwie immer ihren Preis (an Unfreiheit).  Wichtig ist auch, dass es freiwillig ist. Ein Gefängnisinsasse, empfindet seine unfreiwillige Erlebnisarmut sicherlich nicht so attraktiv. Auch ein Kind, was in diese verlockend-bunte Welt geworfen wird, würde nie auf die Idee kommen, auf sein Erleben zu verzichten.
Erfahrung ist Sinn des Seins. Sie verändert uns jedoch, sodass wir ständig nach neuen Erlebnissen suchen müssen.

Wie man sich diese, durch Erfahrung herbeigeführte Selbst-Veränderungen vorstellen kann, hier im nächsten Modell der Tour..

Christoph Heinzel
45527 Hattingen

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