05 Kino ohne Grenzen - Sinnformative Lebenskunst

Vom Urknall
zur Erfahrung
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Kino ohne Grenzen
(Gedankenexperiment)

Wenn man über Erleben und Erfahrung nachdenkt, ist es am aller schwierigsten, das viele Leid auf dieser Welt zu akzeptieren. Jeder wäre sofort dabei, wenn es eine Möglichkeit gäbe, Kriege, Hunger und all die anderen Plagen durch Mehrheitsbeschluss loszuwerden. Absolut unvorstellbar ist für die meisten Menschen, dieses ganze Ehlend (Covid-19 eingeschlossen) auch noch als einen sinnvollen Teil unseres Daseins zu akzeptieren. Vielleicht hilft dir das nachfolgende Gedankenmodell, zu einer erfrischend neuen Sicht der Dinge?

Wir leben in einer Zeit, die es uns inzwischen ermöglicht, unser Bewusstsein durch Bücher, Radio, Fernsehen, Kino und Internet auf ganz abenteuerliche Reisen zu schicken. Immer wirklichkeitsnaher werden die Angebote, die uns in einer rasant wachsenden Fülle zur Verfügung stehen. Sicherlich hat auch dich schon einmal ein Kinofilm derartig gefesselt, dass du während der Vorstellung völlig darin versunken und erst mit dem Ende wieder bewusst zurück in die reale Welt gelangt bist. Für einen guten Filmemacher ist es wahrscheinlich die größte Auszeichnung, wenn Menschen von seinen Bildern völlig mitgerissen werden, so dass sie sich der geplanten Emotionen des Drehbuchs nicht mehr widersetzen können. Nun haben wir ja die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, welche Bücher wir lesen und welche Filme wir anschauen. Ja, wir können sogar beschließen, mitten in einem Film aufzustehen und den Saal zu verlassen oder ein Buch einfach zuzuschlagen.
Aber wollen wir das wirklich? Gut gemachte Filme fesseln derart, dass man nicht mehr „Nein“ sagen kann oder nicht mehr „Nein“ sagen will. Ich denke, dass wir bald Filme erleben werden, die durch bessere Techniken so gut und echt wirken, dass sie während der Betrachtung nur noch äußerst schwer oder gar nicht mehr von der Wirklichkeit zu unterscheiden sein werden. Erste Versuche mit Virtual Reality-Brillen, Geruchssimulation und Berührungsübertragung zeigen bemerkenswerte Ansätze. Sie wirken vielleicht heute noch etwas dilettantisch, könnten aber in ein paar Jahren schon sehr gut funktionierende Kinorealität sein. Interessant sind auch die Fortschritte in der Sensorik, der Hirnforschung und der Biomechanik, die es bestimmt irgendwann ermöglichen, ganz auf die üblichen Schnittstellen wie Leinwände, Bildschirme und Lautsprecher zu verzichten.

Stell dir vor, du stehst heute Abend vor einem solchen neuen Superkino – in der Hand eine Eintrittskarte für eine Vorstellung deiner Wahl. Vor dir siehst du die großen Plakate zu den möglichen Filmen. Angeboten wird alles, was das Herz begehrt. Von der indischen Liebesschnulze über Action und Fantasy bis hin zum schrecklichsten Horror – also die gesamte Bandbreite aller emotionalen Themen. Aber nicht nur diese Wahl gibt es. Du kannst dich auch selbst entscheiden, welche Rolle du in dem Film spielen möchtest und mit wessen Augen du alles wahrnehmen willst. Nur eines kannst du nicht beeinflussen, und es sollte dir von vorneherein klar sein: Wenn du den Lichtspielraum betrittst und sich der Vorhang öffnet, wirst du den Film nicht mehr von der Wirklichkeit unterscheiden können. Du wirst ihn so lange erleben oder auch ertragen müssen, bis alles vorbei ist und die Lichter im Raum wieder angehen. Bis dahin wirst du das sehen, das fühlen, das riechen und das schmecken, was die von dir ausgewählte virtuelle Person in ihrer Rolle sieht, fühlt, hört, riecht und schmeckt. Es wird so sein, als wenn du diese Person selbst wärst, und sich anfühlen, als wenn du alle Entscheidungen selbst treffen würdest. Angst, Glück, Unbehagen, Zweifel und vielleicht grausamster Schmerz werden sich in dein Bewusstsein drängen, ohne dass du dich auch nur einen Hauch dagegen wehren könntest.

Unschlüssig stehst du nun da, mit deinem Ticket in eine „andere Wirklichkeit auf Zeit“. Für welchen Film würdest du dich entscheiden? Welche Rolle möchtest du spielen – jetzt, heute Abend?
Ich persönlich würde mich im Moment wahrscheinlich für etwas Romantisches entscheiden – etwas Liebevolles, mit Unmengen von beglückenden und vielleicht sogar erotischen Szenen. Ja, das wäre für mich ein gelungener Abend! Ich denke, viele Menschen würden auch zunächst erst einmal einen „Streifen fürs Herz“ buchen, denn unser Alltagsleben ist doch schon ärgerlich und beängstigend genug, als dass wir für solch einen „Grusel“ auch noch Geld ausgeben müssten, zumal der Eintrittspreis für ein solches „Zauberkino“ vielleicht nicht gerade billig sein dürfte.
Also Marsch, hinein! Ein freundlicher Kinoangestellter begrüßt uns am Eingang und begleitet uns zu den Einzelkabinen. Etwas mulmig ist mir schon zumute, obwohl ich doch weiß, dass nicht wirklich etwas Schlimmes mit mir passiert. Aber alleine der Gedanke, dass es keinen Not-Ausschalter gibt, der mich sofort zurück in die Realität bringen könnte, dass ich alles bis zum Schluss ertragen muss, beunruhigt doch ein wenig. Es ist wie in einer Achterbahn. Da hilft kein Schreien und kein “ich will nicht mehr!“ Erst wenn die Wagen alle Kurven und Loopings der Strecke durchfahren haben, hält der Zug und wir dürfen wieder aussteigen.

„Ihr Film ist ein harmloser“, beruhigt mich der freundliche Kinoangestellte, der meine Nervosität deutlich spürt. Während er mir die Manschetten mit den elektronischen Datenkabeln an meinen Handgelenken und an meiner Stirn befestigt entgegnet er noch: „Keine schlechte Wahl für das erste Mal! Sie sind doch das erste Mal hier, oder?“ Ja, vielleicht!? Ich weiß es nicht. Warum weiß ich das nicht? Es kribbelt in meinem Bauch, aber ich freue mich auch sehr und bin total gespannt auf die neuen Erlebnisse           


Ich denke, solche Kinos werden in ein paar Jahren sicherlich möglich sein. Aber wenn es möglich sein kann, wer sagt mir, dass es nicht schon jetzt, hier und heute Realität ist? Vielleicht habe ich genau das, was ich heute erlebe, selbst gebucht und genau so in dieser Form erleben wollen?
 
Nach den Filmen, kurz bevor im Kino die Lichter angehen und es wieder hell wird, folgt oft noch einmal ein Abspann: „the best off“ und diese „outtakes“, die besten Szenen und auch die „verunglückten“. Menschen mit Nahtod-Erlebnissen beschreiben ähnliches. Sie sehen entscheidende Episoden ihres Lebens, während sie liebevoll von warmem Licht umhüllt werden.
 
Endet auf dem Sterbebett unser gebuchter Film mit einem Moment wunderschöner Realität, bevor wir uns willentlich wieder in das nächste Abenteuer stürzen – neue Erfahrungen, Inkarnation für Inkarnation – so lange, bis wir es leid sind, und alles langweilig finden und endgültig satt haben: Nirvana?
 
Was wäre ein solches „Hardcore-Kino“, wenn wir im Moment der Betrachtung unsere vorigen Filme nicht vergessen könnten – wenn all die Rollen, die wir je gespielt haben, noch in unseren Köpfen präsent wären?
 
Was wäre dieses Kino ohne Gewalt und Grusel?
 
Könntest du dir vorstellen, selbst in ein solches Kino zu gehen? Und würdest du dabei bewusst auch auf den „Not-Ausschalter“ verzichten, um die gruseligsten Szenen mal wirklich authentisch zu Ende zu erleben?
 
Könnest du dir vorstellen, nach mehreren harmlosen Filmen dieser Art auch mal etwas Härteres anzuschauen, und das bis zum Ende, ohne einen Not-Aus-Schalter, aber natürlich mit der absoluten Gewissheit, dass letztendlich nichts wirklich Schlimmes mit dir passieren wird?
 
Könntest du dir vorstellen „World off Warcraft“ zu spielen, ohne zu wissen, dass es nur ein Spiel ist?
 
Was ist mit deinem bisherigen Leben, mit deinem Glück und deinem Leid? War das bis hierher soweit alles Ok für dich?
 
Würdest du dir zutrauen, dein Leben mit all deinen Erlebnissen genauso wie es bisher war selbst bestellt zu haben?
 
So, wie ich mich inzwischen kenne, würde ich das für mich mit einem eindeutigen „ja“ beantworten. Mehr noch: Ich freue mich, irgendwann wieder leer zu werden, alles vergessen zu dürfen, um Raum zu schaffen für die nächsten, aufregenden Abenteuer!
Und dann sagte mir doch jemand, als ich ihm von meinem „Kinomodell“ erzählte: „Nur irgendetwas Vorgegebenes konsumieren, was sich andere für mich ausgedacht haben, das ist mir zu wenig! Ich würde gerne Einfluss nehmen und meinen Erlebnisablauf selbst mitgestalten!“
Ja, warum denn nicht? Ich könnte mit vorstellen, dass wir mitgestalten und Einfluss nicht nur auf die Themen der Filme haben, sondern auch auf die Handlung – zumindest an den Stellen, wo wir es uns vorher selbst erlaubt haben und nicht aus zu großer Angst oder übertriebener Euphorie die zu erlebende Story ruinieren würden.
Aber bedenke: Was wäre, wenn du nur Kinofilme erleben könntest, deren Handlung du dir selbst bis ins Kleinste ausgedacht hast? Ich fände so etwas katastrophal langweilig! Mir fehlt es da an Phantasie! Oder anders: Die besten Dinge in meinem Leben waren so krass – dass hätte ich mir niemals alles selbst ausdenken können.


Vielleicht noch eine Anmerkung zum Ende der Filme. Diese können natürlich sehr variieren und hängen logischerweise von den gebuchten Filminhalten ab. Das ist es auch, was die Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross von ihrer Hospiz-Arbeit berichtet: „Sterbende behalten ihren persönlichen Stil und ihre gewohnten Verhaltensweisen bis zum Schluss.“ Manche Leute gehen mit einem Lächeln auf den Lippen und andere in tiefster Verbitterung, mit sich selbst hadernd und vergrämten Gesicht.

Aus erlebnistechnischer Sicht scheint es ganz zum Schluss aber ein interessantes Phänomen zu geben. Unser weltliches Leben ist von umfangreichen Begrenzungen abhängig. Wir können nur das erleben, was die Grenzen unserer Körper in ihrem Umfeld für uns bereithalten. Der Sterbeprozess ist das Auflösen dieser Begrenzung und die erneute Rückverbindung mit der grenzenlosen Ganzheit – oder aus religiöser Sicht mit dem Göttlichen: „Er ruht nun in Gott.“ Da hier Grenzen aufgelöst werden, und zwar ganz massiv, ist dieser Prozess unter Umständen beglückend. Doch es gibt möglicherweise Unterschiede in der Intensität. Hat man ein Leben in größter Freiheit geführt, ist man also schon zu Lebzeiten sehr verbunden mit äußerst wenig Grenzen ausgekommen, kann beim Sterben auch nicht mehr so extrem viel Begrenzendes wegfallen. Anders ist es bei Menschen, die vielleicht eingesperrt, verbittert und mit körperlichen Behinderungen ein „gefühlt“ sehr begrenztes Leben geführt haben. Ich vermute, je „scheußlicher“ ein Leben war, umso größer ist das Glück, dass man beim Gehen empfindet. Oder: je „dunkler“ der Film, umso heller wirkt das Licht im Kinosaal, wenn es dann wieder angeht. (Mehr zum Thema "Grenzen und Erfahrung" später in den Modellen 10+11)
 
Der Tod (das Ende des Films) ist möglicherweise ein fester Bestandteil der Institution Erleben (Kino)?!



Mehr zum Thema "Grenzen und Emothionen" findest du im neuen Buch zur Seite mit dem Titel: Sinnformative Lebnskunst - vom Urknall zur Erfahrung im Hier und Jetzt.

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Christoph Heinzel
45527 Hattingen

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